SEX!

Vor etwa 50 Jahren begann in der westlichen Welt die so genannte »sexuelle Revolution«. In den folgenden zwei Jahrzehnten wurden alte Moralvorstellungen überwunden und bestehende Verbote und Einschränkungen der Sexualität abgeschwächt oder sogar aufgehoben. Verhütung, Abtreibung, FKK, Sex vor der Ehe und offen gelebte Homosexualität sind Begriffe, die ihren Ursprung in dieser Zeit haben.

Seit einigen Jahren ist nun eine gegenteilige Tendenz auszumachen. Statt weiter in Richtung einer offeneren Gesellschaft auszuschlagen, scheint das Pendel sich auf den Rückweg in Richtung Unterdrückung und (moralische) Verbote zu machen.
Müssen wir jetzt – ein halbes Jahrhundert später – noch immer darüber diskutieren, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder aufziehen dürfen und Homosexuelle in Deutschland Blut spenden dürfen? Welcher Gedanke steht dahinter? Das Motto »Lieber sterbe ich, ehe ich jenen die Freiheit gebe, die ich besitze«? Soll es schon das Ende des Weges sein, dass Sex vor der Ehe und mit Partnern des gleichen Geschlechts nicht mehr strafbar ist?

Großes Kino. Aber auch die Jugend selbst scheint dem Kampf für diese Freiheiten nicht allzu viel Gewicht zu geben. Warum auch? Wir haben doch Finanzkrise. Es gibt viele Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Zustand einer Gesellschaft und dem Sexualverhalten sehen. Leuchtet ja auch ein: Das Kinderkriegen wird nicht gerade dadurch gefördert, dass man sich vom befristeten Teilzeitjob zum unbezahlten Praktikum hangelt. Wer legt schon Wert auf Experimente in dieser Welt, die uns vorgesetzt wird, in der nur wenig besser, aber vieles schlimmer wird und das einzig Sichere die nächste Krise ist.

Und trotzdem: Ich will mich nicht damit abfinden, dass ich in einer Welt voller Angst und Verbote lebe. Ich will diese hinterfragen, zurückdrängen, bekämpfen. Ich wünsche mir wissenschaftliche Überlegungen als Leitlinien statt diffuser Vorurteile. Zum Glück haben mir die Piraten hier gezeigt, dass ich in der Hinsicht nicht ganz allein stehe.

In Europa wird seit einigen Jahren die Anscheinspornographie immer strikter umgesetzt. Diese verbietet beispielsweise einige gezeichnete oder animierte (also nicht real geschehene) Darstellungen, wie sie vor allem in japanischen Hentais und ähnlichen Kunstformen vorkommen. Auch »jugendlich aussehende« Teilnehmer bei pornographischen Werken sind verboten. Fuck! Ich hab schon auf der Straße Schwierigkeiten, eine 17-jährige von einer 24-jährigen zu unterscheiden. Ein 50-jähriger Richter soll das beurteilen können? Na danke. Die Amis sind uns aber – wie so oft – schon weit voraus: Dort führt ein nackter Busen meist direkt zu einer Altersfreigabe ab 17. Denn Nacktheit ist immer sexuell. Ist klar. Und in Australien gibt es Überlegungen, Frauen eine Brustmindestgröße vorzuschreiben, damit sie unbekleidet in Filmaufnahmen auftauchen dürfen. Sagt mal, spinnt ihr? Das ist nicht nur vollkommen unsinnig und sexistisch, sondern auch ein krass falsches Signal an heranwachsende Mädchen, die ohnehin schon häufig genug ziemlich verunsichert sind, was ihren Körper angeht.

Die modernen technischen Möglichkeiten und die Hormonsprünge in der Pubertät bringen hier noch mehr Probleme. Regelmäßig hört man Berichte, dass 16-jährige wegen des Besitzes eines Nacktfotos ihres gleichalten Partners als Sexualstraftäter vorbestraft werden. Und tschüss, Karriere. Denn wer stellt schon freiwillig einen Sexualstraftäter mit dem Vermerk »Kinder-/Jugendpornographie« ein? Und dann wundern sich deutsche Frührentner in Fernsehen und Feuilleton, dass die Kids in Amerika auf »Snapchat« abfahren: ein Programm, dass Bilder 10 Sekunden nach dem Öffnen löscht. Und weswegen dann das nächste Gesetz erlassen wird, um die Vorratsdatenspeicherung zu verschärfen.

Für sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Menschen sollte es meiner Meinung nach nur eine einzige Regel geben:

Was erwachsene Menschen in gegenseitigem Einvernehmen* miteinander machen, ohne das andere zu Schaden kommen, geht niemanden was an.

* ja, gut, hier sollte man noch den Punkt Zurechnungsfähigkeit/Vollbesitz der geistigen Kräfte hinzufügen, aber das Fass möchte ich an dieser Stelle nicht unbedingt aufmachen
Sexuelle Handlungen mit nicht-lebendigen Dingen und seien sie noch so komisch sind mit Einwilligung des Eigentümers erlaubt. Auch das Zufügen von Schmerzen (jedes Gefühl ist schliesslich eine Art von Schmerzempfinden) ist damit erlaubt. Handlungen mit Tieren sind (weiterhin) durch Tierschutzgesetze eingeschränkt.
Dokumentationen dieser Handlungen sind mit Einverständnis aller Teilnehmer in jeglicher Form zulässig.

Diese eine Regel ist meiner Meinung nach ein Teil des Punkts »Freie Entfaltung der Persönlichkeit«, welchen uns das Grundgesetz garantiert. Deshalb ist sie auch inhaltlich nicht furchtbar revolutionär. Interessanter wird es, wenn wir uns dem Altersbereich der 14- bis 21-jährigen zuwenden.

In Deutschland und den meisten europäischen Ländern gestehen wir Jugendlichen ab 14 Jahren das Recht zu, Geschlechtsverkehr mit anderen über-14-Jährigen zu haben. Ausnahmen stellen Abhängigskeitsverhältnisse (etwa zwischen Lehrer und Schüler) dar und bis zum 18. Lebensjahr haben die Eltern auch noch ein eingeschränktes Veto-Recht.
Mir persönlich gefällt die Schweizer Regelung am besten, da sie am ehesten meinem Empfinden von Gerechtigkeit entspricht: Sex mit Jugendlichen unter 16 ist nur dann erlaubt, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten maximal 3 Jahre beträgt – das war’s. Jugendliche haben ein Interesse daran und auch ein Anrecht darauf, sich sexuell zu entfalten.

Die genaue Lösung ist eine Aufgabe der Gesellschaft. Das hat bei uns, wie ich finde, ja auch recht gut geklappt. Zumindest bislang

.

Denn in den letzten Jahren gab es, wie oben angesprochen, Bestrebungen diesen Bereich stärker zu reglementieren.

Seit 2004 gibt es in der EU einheitliche Mindestbestimmungen zum Thema Kinderpornographie. Und dort wird alles unter 18 als Kind definiert.

Auch Menschen über 18 können allein aufgrund ihres Aussehens in diesem Kontext offiziell als Kind abgestempelt werden. Wenn alles unter 18 automatisch »Kind« ist und alles darüber willkürlich ebenfalls zum Kind erklärt werden kann, dann bedeutet das für Jugendliche zumindest eine gehörige Verunsicherung. Im Zeitalter von Videochats, Sexting, Skype und Snapchat, in einer globalisierten Welt, stoßen sie nämlich schnell an diese Grenzen. Verbote von rein fiktiven Darstellungen zeigen meiner Meinung nach am deutlichsten, welches Ziel dahinter steht:

Jegliche Form der Sexualität bei jungen Menschen soll ausgeblendet werden, denn was man nicht sieht, das gibt es nicht. Wer war jetzt doch gleich der Erwachsene hier?

Eine solche Salamitaktik kennen wir von unseren Politikern schließlich schon zur Genüge, und ich möchte gar nicht wissen, wo der Weg endet, den etwa Frau von der Leyen oder Frau Malmström beschreiten wollen. Der (sexuelle) Missbrauch von Kindern ist zu Recht eines der schlimmsten Vergehen, das unsere Gesellschaft kennt. Dieses Vergehen jedoch zu missbrauchen, um anderen die eigenen Moralvorstellungen aufzuzwingen, ist nicht nur widerwärtig, sondern auch gefährlich. Denn es besteht die Gefahr, dass durch solche undifferenzierten Regelungen der gesellschaftliche Konsens, Kindesmissbrauch zu ächten, irgendwann bröckelt. Einvernehmliche Handlungen zwischen Jugendlichen sind einfach etwas ganz anderes, und dass sie überhaupt in denselben Kontext gestellt werden, ist schlimm. Zum Thema Pädophilie und sexuellen Missbrauch hat die alyama eine sehr kluge und ausführliche Artikelserie gebracht, deshalb will ich hier nicht weiter drauf eingehen. Ich möchte bei den Jugendlichen bleiben.

Jugendliche haben das Recht, Sex zu haben. Und Jugendliche sollten das Recht haben, auch diese Facette ihres Lebens dokumentieren zu dürfen, wenn sie es wollen. Natürlich wäre es mir auch lieber, wenn man verhindert, dass 40-jährige zu Bildern eines 15-jährigen Paares masturbieren. Aber dafür dieses junge Paar einzuschränken und ihm den Stempel der Pädophilie aufdrücken zu wollen, ist ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Auch Zeichnungen, die manche Leute erotisch finden, müssen nicht allen gefallen. Aber solange sie das Persönlichkeitsrecht real existierender Personen nicht berühren, gibt es keinen Grund, sie zu verbieten (was wiederum nicht zwingend bedeutet, dass man sie auch Jugendlichen zugänglich machen sollte). Nur weil ich etwas nicht mag, heißt das nicht, dass ich das auch anderen verbieten darf.

Es ist die Aufgabe von Eltern und Gesellschaft, die Jugendlichen in diesem komplexen Themengebiet aufzuklären, sie zu beraten und auf Gefahren aufmerksam zu machen. Hier schaden staatlich verordnete Verbotsflut und Panikmache ganz besonders. Jugendliche müssen wissen, dass sie die Freiheit haben zu experimentieren.

Denn nur, wenn man weiß, dass es wirklich möglich ist, nach seiner eigenen Façon glücklich zu werden, traut man sich auch, überhaupt rauszufinden, wie diese denn nun eigentlich aussieht. Spaß und Freiheit gehören nun einmal zusammen.


Edit: Okay, ein Nachtrag noch, nachdem ich mehrfach drauf angesprochen wurde (wieso schreibt ihr eigentlich keine Kommentare? 😦 nicht dass ich mich über Unterhaltungen via Twitter/Jabber beschweren will…).
Bei der einen Regel, die zwischen Erwachsenen gelten soll, ist die Formulierung durchaus mit Bedacht so gewählt, wie Ihr sie oben seht.
Da steht »ohne dass andere zu Schaden kommen« und nicht »sie nicht gegen Gesetze verstoßen«. Letzteres würde der Willkür wieder alle Möglichkeiten eröffnen, die ich ihr ja gerade nehmen möchte. Es gab Zeiten und es gibt heute noch Länder wo Homosexualität gesetzlich verboten war/ist. Gesetze können geändert werden. Gesetze können auch Unrecht sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: