Marktwirtschaft, Monopole und die Piraten

Die Marktwirtschaft weist einige Gemeinsamkeiten mit der Demokratie auf. Auch sie wäre in einer perfekten Welt so ziemlich das schlechteste System, ist aber in unserer imperfekten Welt diejenige, die am wenigsten von diesem Idealzustand entfernt ist. Und genauso wie die Demokratie ist auch sie kein stabiler Gleichgewichtszustand, sondern besitzt einen inhärenten Drang zur Selbstzerstörung.

Dank asymmetrischer, unvollkommener Informationsverteilung und nicht-rational handelnden Akteuren sind wir weit vom Ideal des vollkommenen Marktes entfernt. Wie diese Übersicht zeigt, lassen sich Verbraucher von nichtssagenden Begriffen beeinflussen, mehr Geld für dasselbe Produkt auszugeben. Eine sehr schöne Beschreibung der Funktionsweise von Marketing liefert meiner Meinung nach der Film »Syrup« mit seiner Formulierung »Perception is Reality«. Auch dass viele Menschen an einen direkten Zusammenhang von Preis und Wert glauben, führt zu einer Stärkung dieser beeinflussenden Techniken.

Dies alles wäre aber in einem funktionierenden Markt noch kein allzu großes Problem. Allerdings besteht aus Unternehmersicht immer ein Interesse daran genau diesen Markt auszuschalten um den eigenen Erfolg zu maximieren. Ohne Eingriffe von außen strebt jeder reale Markt zu Mono- oder Oligopolen, wo einige wenige Firmen sich ein Feld »aufgeteilen«. Die treibenden Kräfte hierbei sind vor allem die so genannten Skaleneffekte, der Zinseszinseffekt und das Gesetz der großen Zahlen.

»Geld strebt immer dahin wo noch mehr Geld ist.«* bringt Andreas Eschbach dies in seinem großartigen Buch »Eine Billion Dollar« auf den Punkt.
Markteintrittsschranken tragen dazu bei die Konkurrenz auf Märkten gering zu halten und entstehen meist natürlich oder als logische Konsequenz aus Marktverhalten. Auch die Software- und IT-Industrie ist hiervon entgegen noch weit verbreiteten Meinung nicht ausgenommen. Im Gegenteil. Da hier die Produktionskosten im Wesentlichen aus Forschungs- und Fixkosten sowie extrem gut skalierenden Vertriebskosten bestehen sind die Größenvorteile enorm – nicht umsonst sind hier binnen kurzer Zeit einige der weltgrößten Unternehmen entstanden. Der Dschungel an Patenten in Verbindung mit den kurzen Produktzyklen in diesen Märkten führt häufig dazu, dass die großen Platzhirsche kleine Neuankömmlinge »totklagen« können.
Auch der Verweis darauf wie Google Altavista und Co verdrängt hat oder Facebook Myspace und dessen Verwandte überflüssig machte, hilft hier nur bedingt. Um Google heute den Platz als Wegweiser durchs Netz streitig zu machen braucht man neben einer revolutionären Idee auch einen riesigen Serverpark, was einen Markteintritt erschwert, da der Markt einfach deutlich gefestigter und professioneller besetzt ist als noch vor 15 Jahren. Der Staat hat hier häufig vor den internationalen Unternehmen kapituliert oder beschränkt sich mit nationalen Scheuklappen auf veraltete Lösungsansätze. Die Wirtschaft ist längst global. Die Beschützer des Marktes sind aber achten so gut wie nur auf ihren Wochenmarkt daheim vor der Kirche. So entstehen Monopole und wirtschaftliche Machtkonzentrationen bei Unternehmen, die es ihnen erlauben Regionen und Staaten gegeneinander auszuspielen. Zu Lasten der Funktionsfähigkeit des Marktes. Und vor allem zu Lasten der Bevölkerung.

Aber nicht jedes Monopol ist automatisch schlecht, gerade bei Infrastruktur und ähnlichem bilden sich natürliche Monopole weil es schlicht widersinnig ist zwei konkurrierende Telefonleitungen im Haushalt zu verlegen oder dass jeder Stromanbieter eigene Leitungen zum Endkunden besitzt. Um den sozialen Aspekt unseres Wirtschaftssystems nicht zu vernachlässigen, treten die Piraten mit ihrer Forderung »Netze in Nutzerhand« an.
In der Energie- oder Telefonbranche sieht man immer wieder, wie die ehemaligen Staatsunternehmen, die diese Leitungen besitzen den Wettbewerb innerhalb dieses Netzes zu kontrollieren und behindern versuchen. Mit einer Trennung von Netz und Inhalt wird nicht nur die grundsätzliche Teilhabemöglichkeit eines jeden einzelnen Bürgers verbessert sondern auch gleichzeitig der Wettbewerb auf dem Markt gestärkt. Aus dieser Perspektive heraus ist auch die Forderung nach kostenfreien ÖPNV-Modellprojekten naheliegend. Entweder es kann ein Wettbewerb auf der Infrastruktur hergestellt werden oder die Kontrolle hat dem Bürger zu obliegen.

Netze in Nutzerhand, Verbot von Softwarepatenten, ÖPNV-Modellprojekte und ähnliche Forderungen widersprechen deshalb nicht dem Ziel der Piraten für mehr Freiheit zu sorgen. Wir erleben hier die paradox erscheinende Situation, dass Einschränkungen auf dem Markt zu mehr wirtschaftlicher Freiheit führen.

Wenn die Piraten also stellenweise mehr staatliche Eingriffe fordern, dann nicht weil sie die Marktwirtschaft ablehnen, sondern weil sie sie wiederherstellen und vor sich selbst bewahren wollen.

—-
* das ist kein streng mathematisches »immer«, sondern eher ein statistisches »so gut wie immer« oder »im Regelfall«

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