Der neutrale Journalist und das Netz

Jahrhundertelang waren Zeitungen und später Zeitschriften die einzigen, die Informationen großflächig verbreiten konnten. Deshalb gehörte zu jedem neu gegründeten Haushalt nahezu automatisch ein Zeitungsabo.  Deshalb waren Zeitungen die bevorzugte Plattform für Werbetreibende. Und weil die Leute eben meist genau eine einzige Quelle für ihre Informationen hatten, war es wichtig möglichst »neutral« und »objektiv« zu berichten.
Dann kam das Radio und vor allem später das Fernsehen. Hier wurden noch größere Massen direkt und wortwörtlich »angesprochen«. Die unglaublich breite Zielgruppe und die Möglichkeit der Zuschauer mit einem einzigen Knopfdruck jederzeit zur Konkurrenz zu wechseln, hatte auch hier Auswirkungen auf die Art der Berichterstattung. Sie musste kürzer, pointierter, unterhaltsamer aber eben möglichst nicht polarisierend sein. Ausführlichere und wertende Berichte gab es deshalb eher zu später Stunde, wenn statt dem »nach Unterhaltung strebenden Jedermann« die Zuschauer überwogen, die eine solche Sendung gezielt ansehen wollten.
Tja, und dann kam das Internet. Auch hier ist die Konkurrenz nur einen einzigen Knopfdruck entfernt. Auch hier können unglaubliche Massen an Lesern erreicht werden. Und deshalb haben die meisten ihre bisherige Art zu berichten um die Erkenntnisse des Fernsehens erweitert. Die Artikel sind kürzer. Es gibt mehr Bildchen. Mehr Skandale. Mehr hier-und-jetzt-Aktualität.

Dabei wurde aber übersehen, dass das Internet Platz für unendlich viele »Sender« bietet und jeder Bürger einen solchen starten kann. Das Internet war lange eine Subkultur und ist noch heute voll davon. Diese Eigenschaft gilt es auch für den Journalismus zu übernehmen. Nicht die Breite sondern die Nische muss das Ziel sein.

Die meisten Onlineportale von Zeitungen (und leider auch immer häufiger deren Printversionen) sind voll von höchstens leicht abgewandelten Agenturmeldungen und Pressemitteilungen. Die Aufgabe des Journalisten darf aber nicht das reine Wiedergeben von Mitteilungen und Ereignissen sein. Es muss die Einordnung, die Bewertung sein. Ja, Journalisten sollten auch urteilen. 

Die Mär der Objektivität und Neutralität in der politischen Berichterstattung ist genau das. In der Mathematik gibt es richtig und falsch (und nicht-beweisbares). In den Naturwissenschaften experimentelle Belege und Tests. Aber im Zwischenmenschlichen und in der Politik spielt die Sichtweise des Beobachtenden immer mit hinein. Die Sonne ist heiß, egal ob wir die CDU wählen oder die Linkspartei. Aber ob eine Überwachungsmaßnahme nun ein Angriff auf Bürgerrechte und Freiheit ist, oder ob sie Sicherheit schafft und damit unsere Freiheit schützt, bewertet jeder anders. Natürlich gibt es auch hier Aspekte, die objektiv belegbar sind. Korruption ist Korruption, da sind sich meist alle einig. Aber deren Folgen, Kontext und Einordnung unterscheiden sich je nach Beobachtendem. Aber jeder Versuch einer vollkommen objektiven Berichterstattung ist zum Scheitern verurteilt. Allein durch die Auswahl worüber wir berichten, durch Auslassungen, Wortwahl und andere kleine Dinge beurteilen und beeinflussen wir.

Und eigentlich war das das auch schon länger zumindest ansatzweise bekannt. Deshalb galt die lange FAZ eher als Sprachrohr der CDU und die Zeit eher als das der SPD. Während die meisten Bürger früher auf eine einzige Nachrichtenquelle vertrauen mussten, haben sie nun hunderte zur Auswahl. Informationen über aktuelles Geschehen in der Welt erhalten wir heute von Bekannten über Twitter und Facebook sowie aus dem Radio oder Fernsehen.  Dadurch ist vielen klar geworden, dass die Berichterstattung über das gleiche Thema bei verschiedenen Seiten teilweise völlig unterschiedlich aussieht.Das reine Vermitteln des »Was war heute los in der Welt?« ist jetzt nicht mehr die (Haupt-)Aufgabe des Journalisten. Das übernehmen im Wesentlichen die genannten Nachrichtenagenturen. Vor allem im Netz sollte es nun genau Aufgabe des Journalisten sein hier als Wegweiser zu dienen, als helfende und bewertende Instanz..

Es gilt dies stärker zu betonen. Vom Fernsehen kann hierbei durchaus gelernt werden. Dort gibt der jeweilige Moderator einer Sendung eine gewisse Grundrichtung vor und ordnet Besucher und Gesagtes entsprechend seinem Weltbild für den Zuschauer ein. Während der Verfasser eines Textes früher möglichst unauffällig im Hintergrund verschwand, ist es heute viel mehr wichtig diesen ins Rampenlicht zu holen.

Einige Leute haben das auch im Internet bereits erfolgreich umgesetzt. Fefe, Sascha Lobo oder Netzpolitik.org wären hier zu nennen. Fefe macht immer wieder klar, dass er Mitglied des CCC ist undbeispielsweise der CDU gegenüber grundsätzlich feindlich eingestellt ist. Sascha Lobo bewegt sich bekanntermaßen was seine Positionen angeht zwischen SPD und Piraten. Netzpolitik.org steht eher den Grünen nahe. Als Leser muss man hier nicht versuchen nach einer unterschwelligen Meinung und Bewertung des Journalisten zu fahnden. Denn die ist von vornherein klar und wird häufig auch explizit ausgeführt. Diese Transparenz der Herkunft, Motivation und Zielsetzung des Schreibenden erleichtert es dem Leser dessen Bewertungen und Aussagen einzuordnen. Es gilt zu argumentieren, nicht darzustellen. Zu bewerten, nicht mitzuteilen. Als einer der wenigen Verlage hat dies beispielsweise Spiegel Online mit seinen Kolumnisten erkannt und recht erfolgreich umgesetzt.

Die Informationen können wir überall erhalten, ihre Einschätzung, Bewertung und ihren Kontext darzustellen erfordert jedoch ein gewisses Hintergrundwissen und einiges an handwerklichem Geschick. Und dieses wird dann meiner Meinung nach auch durchaus belohnt.

Ist es jemandem aufgefallen? Ich schreibe hier über die Zukunft der Textberichterstattung und habe den Punkt der Finanzierung, der in den meisten Debattenbeiträgen hierüber vorneweg gestellt wird noch überhaupt nicht angesprochen. Denn dafür gibt es viele Möglichkeiten, sie alle haben aber gemeinsam, dass der Leser den Berichterstattenden wieder wertschätzt, denn aktuell sind Journalisten nach Politikern eine der am wenigsten angesehen Berufsgruppen überhaupt. Markenprofile und Kundenbindungen müssen verstärkt werden. Alleinstellungsmerkmale geschaffen werden. Natürlich ist der Weg des bewertenden Journalisten hier nicht der einzige oder gar der Weisheit letzter Schluss. Aber ich denke, dass es ein Weg ist, den viele Medienschaffende aus Betriebsblindheit heraus nicht wahrnehmen.

Ich bin kein Journalist, ich bin auch kein »echter« Blogger. Ich bin vielmehr in der Pressearbeit einer Partei tätig. Ich bin also der klassischen Auffassung nach eigentlich der Gegner eines Journalisten und der heute gelebten Praxis nach (leider) sein Inhaltelieferant.
Advertisements
2 Kommentare
  1. m3t4b0m4n sagte:

    Sry, aber fefe ist einfach nur ein fetter, dummschwätzender Nerd.

  2. Er ist wie die BILD. Man muss ihn nicht mögen, man sollte auf jeden Fall nicht alles glauben, aber er ist erfolgreich damit wie er sich vermarktet. Du wirst im Netz genauso verschiedene Arten von „Journalismus“ finden wie offline.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: