Ist die Demokratie noch zu retten?

Im vergangenen Jahrhundert haben wir den Sieg der Demokratie über den Faschismus gefeiert. Und auch gegen den Kommunismus konnte sie sich durchsetzen. Aber das war damals. Dass die Demokratie nie sicher ist, nie selbstverständlich sein sollte, hatten wir hier schon einmal.
Und auch die aktuellen Entwicklungen führen vielen vor Augen, dass die Grenzen zwischen»
weichem Totalitarismus« und Demokratie sehr fließend sein können.

Die Evolution hat uns weit gebracht, doch sie hat uns nicht dafür geschaffen in einer friedlichen Welt das Beste für das Gemeinwohl zu tun. Wir sind egoistisch und auf den eigenen Vorteil bedacht. Die Demokratie unterdrückt dies nur besser als alle bisherigen Alternativen. Doch muss das auch so bleiben?

Der technische Fortschritt verändert unsere Welt. Das macht er schon seit ein paar tausend Jahren. Er verändert auch die Art wie wir zusammenleben und uns organisieren. Schon genauso lang.
In den kommenden Jahrzehnten wird es hier wieder einige mögliche Umwälzungen geben. Ein paar, die mir einfallen möchte ich einmal diskutieren. Natürlich nehme ich da teilweise recht radikale Veränderungen an, aber ich werde versuchen stets plausibel zu machen, wieso diese Entwicklung möglich ist.

Wir entfernen den Egoismus aus der Kontrolle des Zusammenlebens

 
Das klassische Science-Fiction-Szenario in dem eine uns überlegene Computer-Intelligenz unser Zusammenleben regelt. Eine solche Intelligenz könnte die menschlichen Nachteile von Regierungsformen wie etwa der Monarchie ausgleichen und damit eventuell eine der Demokratie überlegene Gesellschaftsform ermöglichen. Das Ganze geht allerdings in den entsprechenden Geschichten meist schief. Ich denke nicht, dass wir Menschen eine solche Lösung dauerhaft dulden könnten. Beispiele hierfür wären Skynet , HAL 9000V.I.K.I. oder die Matrix.
Wir entwickeln immer komplexere Systeme, die irgendwann von Menschen nicht mehr ausreichend genau bedient werden können. Deshalb gibt es auch immer mehr autonome Kampfdrohnen. Eine wirkliche künstliche Intelligenz, die diesen Namen verdient haben wir zwar bislang noch nicht. Aber die Fortschritte sowohl bei der Computerhardware als auch bei den Algorithmen lassen eine technologische Singularität für viele innerhalb der nächsten 50 Jahre realistisch erscheinen. Und zu allem Überfluss besitzen die Briten bereits ein militärisches Projekt namens Skynet, dass die Kommunikation ihrer Satelliten koordiniert 😉

Wir machen unser aktuelles Wahlrecht unmöglich

 
Eine weitere Variante wie unsere derzeitige Form der Demokratie verschwinden kann, ist wenn wir durch unsere Fortschritte ihre Voraussetzungen unmöglich machen. Für unsere Wahlen gilt, dass sie »allgemein, frei, gleich, geheim und unmittelbar« durchgeführt werden. Was aber wenn das irgendwann nicht mehr möglich sein sollte?
Überlegungen für ein Wahlrecht ab Geburt oder den Ausschluss von bestimmten Bevölkerungsgruppen, was die Bereiche »allgemein und gleich« betrifft, gibt es immer wieder. Darum geht es mir aber nicht, diese Änderungen wären politisch gewollt und jederzeit möglich, aber keine unumkehrbaren Folgen unserer Entwicklung.
Wir werden überwacht. Unsere Kommunikation, unsere Bewegungen. Wieso nicht auch unser Wahlverhalten? Kameras, Bewegungsmelder und ähnliche Sensoren werden immer exakter und immer kleiner.  Auch die Wahlzettel selbst können »unsichtbar« markiert werden um eine Zuordnung zum Abstimmenden herzustellen, indem man ihnen eine eindeutige Markierung verpasst, die mit bloßem Auge nicht erkennbar ist.
Hey, Computer werden immer kleiner, wieso also nicht gleich ein Papier nehmen, das »intelligent« ist und die Position von Kreuzen selbstständig verändern kann? Es wird irgendwann möglich sein.
Die Vorschläge die Geheimheit der Wahl aufzugeben häufen sich. Dies würde uns neue Möglichkeiten bieten, beispielsweise digitale Lösungen oder Vertreter-Abstimmungen, da wir dann auch die Unmittelbarkeit aufgeben könnten.
Dafür würden wir leichter erpressbar werden, Druck von außen könnte stärkeren Einfluss gewinnen. Neue Manipulationsmöglicheiten würden entstehen. Aber irgendwann könnte uns der Fortschritt keine andere Wahl mehr lassen. Denn wenn die Möglichkeit besteht die Geheimheit außer Kraft zu setzen, ohne dass dafür nennenswerte Gefahren auf den Spionierenden zukommen, dann wird diese Möglichkeit auch genutzt werden.

Wir verändern unsere Gedanken

 
Neben unserer Regierung und unserem Wahlverfahren gibt es auch noch die Möglichkeit die Wähler selbst zu verändern. Wir sind zunehmend in der Lage unseren eigenen Körper und vor allem unseren »Geist« zu beeinflussen. Das beginnt mit der Psychologie, die uns zum Beispiel im Marketing eingesetzt wird um in uns bestimmte Gefühle zu erregen, geht dann über die Lebensmittelindustrie, die die Chemikalien in unserem Körper durcheinander bringt um uns abhängig, glücklich oder beides zugleich zu machen, bis hin zu direkten chirurgischen Eingriffen und irgendwann vermutlich »Programmierungen« unseres Gehirns.
Unser wachsendes Verständnis der Prozesse im Gehirn versetzt uns bald in die Lage Erinnerungen dort abzuspeichern. Die Möglichkeit Gehirnströme aus der Entfernung zu lesen haben wir bereits. Ansatzweise können wir dadurch bereits Gedanken erraten, was mit zunehmendem Verständnis der Abläufe in unserem Hirn noch um ein Vielfaches genauer werden wird. Und irgendwann wird beides kombiniert werden können. Das Lesen und das Schreiben.
Wie weit ist es da noch zur Welt von »Dollhouse«, wo Menschen gezielt völlig neue Persönlichkeiten, Erinnerungen und Verhaltensweisen »einprogrammiert« werden? Der Vorteil dieser Forschung kann darin liegen, Krankheiten und am Ende gar den Tod selbst auszurotten. Die Schattenseiten können es aber auch in sich haben. Wenn unser eigener Wille und unsere Erinnerungen nicht mehr verlässlich sind, wie soll dann noch eine echte Demokratie möglich sein?

Wir verändern unser Wesen

 
Ein anderer Weg den Wähler und damit die Voraussetzungen für unsere Demokratie zu verändern, ist  es noch ein wenig tiefer anzusetzen. Diese Variante ist noch spekulativer als die übrigen. Durch die Fortschritte in der Biologie und unserem wachsenden Verständnis unserer Erbinformationen können wir vermutlich in absehbarer Zeit einige Einschränkungen unserer Körper aufheben oder zumindest zurückdrängen. Wer weiß, vielleicht gelingt es uns dabei auch einige unserer negativeren Charakterzüge zu unterdrücken. Die meisten davon hat uns die Evolution aber eben nicht umsonst beschehrt und wie uns die Spieltheorie zeigt, gibt es eben Fälle wo es sich einfach lohnt unkooperativ oder egoistisch zu sein. Deshalb glaube ich nicht, dass wir den Egoismus je ausrotten können. Denn je weiter wir ihn zurückdrängen, desto mehr lohnt er sich für diejenigen, die ihn besitzen.

Unsere Gesellschaft verändert sich

 
Abschließend sehe ich noch die Möglichkeit, dass der Rahmen, innerhalb dessen die obigen Varianten ablaufen, sich verändert. Während die bisherigen vier Punkte unumkehrbare Veränderungen beschreiben, die unsere heutige Art Zusammenzuleben dauerhaft unmöglich machen würden, besteht hier die Möglichkeit, dass diese Einflüsse sich »von selbst« wieder ausgleichen.
Beispielsweise könnten Medienkonzerne eine solche Macht aufbauen, dass sie die Kommunikation innerhalb eines Landes de facto monopolisieren könnten. Man stelle sich hier einmal vor Google und Facebook würden fusionieren und den Springer-Verlag aufkaufen. Den direkten Druck lassen wir hier mal noch ganz außen vor, denn den gibt es zusätzlich und die »Erpressung« von Staaten durch große Industriekonzerne hat leider mittlerweile schon Tradition.
Eine andere – rein theoretische – Möglichkeit wäre, dass fremde Regierungen soviel militärische oder wirtschaftliche Macht über das eigene Land besitzen, dass sie es dazu bringen können, die eigene Rechtsauffassung zu verletzen.

Mein Ausblick
 
Einige der oben geschilderten Szenarien liegen noch ein ganzes Stück in der Zukunft, manche werden uns so vielleicht nie begegnen. Und doch bin ich davon überzeugt, dass unsere Demokratie sich wandeln wird. Ob sie es überlebt oder etwas Neues aus ihr entsteht werden wir sehen. Den Fortschritt aufhalten zu wollen, kann aber auch keine Alternative sein. Alles was man damit erreicht sind vielleicht einige Jahre Verzögerung zum Preis der gesellschaftlichen Möglichkeiten hier für Transparenz und Einflussnahme zu sorgen. Vielleicht gelingt es uns ja doch, diese Veränderungen sogar teilweise positiv zu gestalten.
Dennoch: Das Goldene Zeitalter der Demokratie ist vermutlich vorbei.
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1 Kommentar
  1. Kevin sagte:

    Im großen und ganzen kann ich dir recht geben.
    Doch sehe ich etwas anders, Das Goldene Zeitalter der Demokratie hat gerade erst begonnen.
    Wir haben erst seit einigen Jahren die Möglichkeit fast alle Menschen in die Willensbildung miteinzubeziehen.
    Ob das nun gut oder schlecht ist sei mal dahingestellt.

    Zu deinen Szenarie:
    „Es scheint als sehne sich der Mensch nach seiner eigenen Vernichtung, doch sein Verstand bewahrt ihn jedes mal vor dem Abgrund“

    Das ist ein sehr schönes Zitat aus einem Film, welches meiner Meinung nach zutrifft.

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